01. Jul. 2026
Vom Studium im Bauingenieurwesen zur Ausbildung als Zimmerer – der Weg von Kaige Ren ist alles andere als gewöhnlich. Kaige Ren stammt aus China und hat sich bewusst für das Handwerk in Deutschland entschieden. Im Interview spricht er über seine Motivation, seinen Werdegang und seine Erfahrungen zwischen Studium, Baustelle und Ausbildung.
Mit gerade einmal 18 Jahren verließ Kaige seine Heimatstadt Zhengzhou in China – eine Stadt mit rund fünf Millionen Einwohnern. „Für chinesische Verhältnisse ist das eher klein“, sagt er und lächelt.
Seine Entscheidung für Deutschland hatte vor allem praktische Gründe: „Hier hat man bessere Verdienstmöglichkeiten, und das Studium ist deutlich günstiger als in anderen Ländern, etwa den USA.“
Seine ersten Schritte führten ihn zunächst ins Studienkolleg. Dort lernte er Deutsch sowie die Grundlagen in Mathematik, Physik und Chemie, bevor er sein Studium aufnehmen konnte. An diese Zeit erinnert er sich positiv: „Ich habe dort viel Unterstützung bekommen – bei der Suche nach einer Unterkunft, beim Visum und auch im Alltag. Das hat mir den Einstieg sehr erleichtert.“
Anschließend studierte Kaige Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Umwelttechnik. Rückblickend beschreibt er das Studium als interessant, gleichzeitig aber nicht praxisnah genug. Trotz eines erfolgreich abgeschlossenen Bachelorstudiums wurde ihm klar, dass ihn ein klassischer akademischer Karriereweg nicht erfüllt.
„Ein Masterstudium wäre für mich zu theoretisch gewesen. Ich wollte lieber etwas Praktisches machen“, erklärt er. Forschung, wissenschaftliches Arbeiten und Theorie standen für ihn zu sehr im Vordergrund.
Aus dieser Erkenntnis entstand eine Entscheidung, die zunächst ungewöhnlich erscheinen mag: eine Ausbildung im Handwerk.
Heute absolviert Kaige eine Ausbildung zum Zimmerer bei der Zimmerei Hirschberg & Hoffmann und besucht für seine überbetriebliche Ausbildung das BZB Krefeld – eine Entscheidung, die er ganz bewusst getroffen hat.
„Während meiner Bachelorarbeit habe ich viel mit Beton und Materialien wie Flugasche gearbeitet. Das hat mir überhaupt nicht gefallen“, erzählt er offen. „Holz dagegen ist ein ganz anderes Material – natürlicher, angenehmer und einfach schöner.“
Neben der Arbeit mit dem Werkstoff selbst überzeugte ihn auch dessen Wirkung. Holz schafft für ihn eine andere Atmosphäre und fühlt sich deutlich lebendiger an als viele mineralische Baustoffe.
Kaige hat in seiner Zeit in Deutschland bereits viele kulturelle Unterschiede kennengelernt. Ein weit verbreitetes Klischee räumt er dabei direkt aus: „Viele denken, in Deutschland ist alles immer pünktlich“, sagt er schmunzelnd. „Das stimmt nicht immer.“
Auch im Alltag fallen ihm Unterschiede auf. So seien Klimaanlagen in China in nahezu jedem Haushalt selbstverständlich, während sie in Deutschland deutlich seltener anzutreffen seien.
Seine Reisen innerhalb Europas haben seinen Blick zusätzlich erweitert. Besonders positiv hebt er die Niederlande hervor – vor allem wegen des gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs und der Offenheit der Menschen. „Die meisten sind freundlich, und viele sprechen Englisch. Das macht es einfacher.“
Aktuell lebt Kaige in Duisburg. Die Stadt beschreibt er nüchtern als klassische Industriestadt. Deutlich wohler fühlt er sich jedoch in Düsseldorf, das er als lebendiger und internationaler wahrnimmt.
Während seiner überbetrieblichen Ausbildungsphasen am BZB Krefeld wohnt Kaige im Gästehaus des BZB. Dort sorgt Gästehausleiter Bernd Halschka dafür, dass sich die Auszubildenden gut aufgehoben fühlen, unterstützt sie im Alltag und steht ihnen bei Fragen jederzeit zur Seite. Diese Betreuung erleichtert ihm den Ausbildungsalltag zusätzlich und gibt ihm in seiner Umgebung wichtige Orientierung.
Beruflich steht er kurz vor dem Abschluss seiner auf zwei Jahre verkürzten Ausbildung zum Zimmerer. Die letzte Prüfung ist bereits terminiert. Danach möchte er sich zunächst eine kurze Auszeit gönnen: „Erst einmal mache ich ein bis zwei Monate Urlaub – dann schaue ich, wie es weitergeht.“
Auch beruflich hält er sich verschiedene Möglichkeiten offen. „Ich kann mir vorstellen, sowohl im Handwerk als auch im Büro zu arbeiten – aber langfristig zieht es mich eher in eine Bürotätigkeit.“
Auf die Frage, was er seinem 18-jährigen Ich heute sagen würde, antwortet Kaige knapp: „Ich mag keinen Blick in die Vergangenheit.“
Für ihn ist das keine Floskel, sondern eine klare Haltung. Er würde seinen bisherigen Weg nicht anders gehen.
Kaiges Geschichte zeigt, dass Berufswege nicht geradlinig verlaufen müssen. Mit Offenheit, Mut und der Bereitschaft, eigene Entscheidungen zu hinterfragen, hat er seinen persönlichen Weg gefunden – zwischen Studium und Handwerk, zwischen Theorie und Praxis sowie zwischen China und Deutschland.
Wir bedanken uns für das offene und interessante Gespräch und wünschen Kaige viel Erfolg für seine Abschlussprüfung sowie alles Gute für seinen weiteren beruflichen und persönlichen Weg.
Autor: Bildungszentren des Baugewerbes e.V.
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